Eurythmie auf Skiern - Der Konsonant «R» 
 
 
   

Kurse/Events             Philosophie             Videos             Wettbewerb            Publikationen            Team            Anmeldung            Gästebuch            Links            Home

 

Zur Kapitel-Übersicht      

Textauszug aus dem Buch "Eurythmie auf Skiern"
gekürzt, o
hne Bilder, Skizzen, Ergänzungen und Literaturangaben

"R" und das Prinzip des Rades
Das "R" wird oft mit einem sich drehenden Rad verglichen. Es ist das sich drehende, walzende, rollende, Rad schlagende Prinzip. Drehen ist aber nicht nur drehen. Bei allem, was sich dreht, treten Polaritäten auf. Bei einem Rad, dessen Auto mit 100 km/h über die Autobahn fährt, herrscht an einem Punkt vollkommene Ruhe, nämlich da, wo es den Boden berührt. Es haftet, ja klebt auf dem Boden. In der Kurve verformt es den Reifen, aber das Rad rutscht keinen Millimeter. Nur 60 cm höher, auf seiner Oberseite, fliegt sein Gummi mit 200 km/h vorwärts. Im rollenden Rad ist Ruhe und höchste Bewegung vereint.

Beim Sprechen des "R" haben Sie dasselbe Prinzip. Die Zunge drückt an den Gaumen und stoppt den Luftstrom, sofort danach lässt sie wieder los und gibt den Luftstrom frei - und das in raschem Wechsel. Im "Rrrrr" wird es hörbar. Hier haben Sie kurz nacheinander, was beim Rad gleichzeitig erfolgt: Ruhe - und los! Stopp - und vorwärts! Haftung - und davonfliegen! Ein Stosslaut, der fliegen darf.

Die Kraftquelle des "R" - Das kleine Becken
Die Konsonanten folgen den Gesetzmässigkeiten des Tierkreises. Ihr Quell- oder Kraftort ist nicht das Zeichen, dem sie zugeordnet werden und in dem sie erscheinen, sondern das gegenüberliegende Zeichen, die Opposition. Beim "R" also der Skorpion, das kleine Becken.

Die Skorpionkraft im Becken hat etwas Ansaugendes, Verdichtendes. Das liefert den festen Stand, den es braucht, um etwas in Bewegung zu bringen. Da alles, was elastisch komprimiert wird, sich auch wieder ausdehnen will, dient das im Beckenbereich Verdichtete dem "R" nicht nur als Haltepunkt, sondern auch als Kraftquelle.

Das dem "R" zugrunde liegende Kräfte-Quadrat
Stellen Sie sich locker im Schritt hin, ein Bein ist vorne, das andere hinten, die Knie sind leicht gebeugt. Halten Sie Ihre Hände mit etwas Abstand vor das Becken. Verdichten Sie den Beckenbereich so, dass es die Hände von vorne bis neben die Hüften heranzieht. Wenn Sie nicht nur in den Armen, sondern auch in den Händen Spannung aufbauen und dabei achtsam sind, überträgt sich das auf die Hände, sodass diese auch etwas verdichtet und zu einer lockeren Faust zusammengezogen werden.

Sie können diese Bewegung auch so gestalten, dass die Arme die aktive und das Becken die passive, aufnehmende Rolle bekommen. Dann ziehen Sie die leicht angespannten Hände mit Kraft zu den Hüftgelenken, als würden Sie etwas in diese hineinschieben. Beide Varianten (ob die Hände passiv angesaugt werden oder ob sie aktiv schieben) sind gleichwertig und lassen sich sogar kombinieren. Wichtig ist nur, dass eine innere Kraft entsteht, die ohne grosse Manipulation in ein inneres Aufsteigen übergeführt werden kann.

Das innere Aufsteigen entsteht aber nur, wenn Sie Ihre Wirbelsäule spüren und mit ihr auf die Krafterzeugung im Becken reagieren. Das lenkt die im Becken entstandene Energie nach oben, die Rückenmuskulatur wird aktiviert und der Brustkorb weitet sich. Von diesem Energiestrom werden die Hände mit nach unten geöffneten Handflächen links und rechts vom Körper bis auf Schulterhöhe nach oben getragen. Weil die Ellenbogen nicht zur Seite ausweichen, sondern relativ weit hinten bleiben, entsteht in den Armen und im Schultergürtel eine leichte Spannung.

Jetzt sind wir beim Zuhause des "R" angekommen: beim Hals, dem Einflussbereich des Stiers und der Venus. Hier geht es um das Aufmachen, ums Loslassen, um das Gefühl des Weitwerdens. Sie können mit dem Körpergefühl Muskeln zusammenziehen und dadurch Spannung erzeugen oder Ihre Muskulatur weiten und eine Gegenspannung erzeugen. Das Zweite fühlt sich an wie ein Schwamm, der sich mit Wasser vollsaugt und davon dick wird. Beim "R" ist dieser Übergang vom Festen ins Weiche, Durchlässige und Weite der zentrale Prozess.

Versuchen Sie, bevor wir mit dem Bewegungsablauf fortfahren, ob Sie dieses Weitwerden mit dem Hals ausführen können. Funktioniert es - oder nicht? Es verkrampft sogar? Nun, haben Sie daran gedacht, dass wir in der Eurythmie immer mit dem ganzen Körper arbeiten? Wenn wir am Hals eine Wirkung erzielen wollen, müssen wir woanders Energie aufbauen, mit der wir ihn zum Beispiel weit machen oder etwas durch ihn hindurchschicken können. Ziehen Sie wieder den Beckenbereich zusammen und schicken Sie - jetzt ohne die Hände zu benutzen - die dabei entstehende Energie mit Hilfe des Körpergefühls nach oben. Können Sie im Halsbereich darauf reagieren, ein wenig mitgehen, aufmachen und den Energiestrom hindurchlassen? Geht es jetzt besser? Prima!

Gehen wir jetzt zurück zu der vollständigen Bewegung, die wir unterbrochen haben. Fangen wir noch einmal von vorne an: Heranziehen der Arme, Aufsteigen mit den vom inneren Energiestrom getragenen Armen und Spannungsaufbau im Schultergürtel. Jetzt kommt der entscheidende Moment: Lassen Sie die Arme nicht sofort nach vorne gehen. Benutzen Sie zuerst Ihr Körpergefühl, um die vorhin geübte Wirkung im Halsbereich zu erzeugen, und entlassen Sie die Energie, mit der Sie aufgestiegen sind, nach vorne. Wenn Sie dann die Arme folgen lassen, entlädt sich deren Spannung in einen Raum, der sich gross, offen und weit anfühlt. Es ist, als würden die Arme Flügel haben und auf dem eigenen Gegenstrom nach vorne fliegen.
Während sich die Arme strecken, lässt die Spannung, die sie "beflügelt" hat, nach. Die Arme sinken langsam ab, bis sie wieder in den Einflussbereich des Skorpions, des kleinen Beckens kommen, wo der Kreislauf von neuem beginnt.

Die Eurythmie des "R"
Solange Sie sich den eben beschriebenen Prinzipien Verdichten, Aufsteigen, Freilassen, Loslassen einfach hingeben, bewegen Sie sich gewissermassen im Viereck. Erst kommt der eine Prozess, wenn der fertig ist, kommt der andere usw.

Beim "R" wirken aber immer zwei Prozesse gleichzeitig. Während man verdichtet, fängt das Aufsteigen an. Während des Aufsteigens hört das Verdichten langsam auf und das Freilassen fängt schon an. Wenn die Arme nach vorne freigelassen werden, steigen sie am Anfang noch, aber schon bald beginnt das Loslassen und Absinken. Während die Hände noch absinken, werden sie schon wieder vom kleinen Becken angezogen.

Jeder Abschnitt des "R" besteht aus Prozessen, die ineinander übergehen und deren Mischung sich kontinuierlich ändert. Aus dem Viereck wird ein Kreis, ein Kreislauf. Das braucht viel Aufmerksamkeit und geschieht nicht von allein. Als mir das zum ersten Mal aufgefallen ist, war ich sehr berührt. Mir wurde an diesem Beispiel klar, dass die eurythmischen Laute Prozesse im Körper beschreiben, die über einen Naturprozess hinausgehen. Ich konnte ahnen, dass sie in irgendeiner Art mit Bewusstsein zu tun haben, mit einem Bewusstsein, das verbindet und Übergänge schafft. Und weil ich es bin, der die Prozesse miteinander verbindet, habe ich mich gefragt, ob die Laute nicht auch etwas sehr Menschliches sind.

Wenn Sie die verschiedenen Phasen des "R" bewusst ineinander übergehen lassen, läuft die Bewegung der Arme und des Körpers fast von alleine. Die Arme werden herangezogen, steigen auf, bewegen sich locker nach vorne und sinken ab. Der Körper schwingt locker mit nach vorne und zurück, die Beine federn mit.

Auch die Hände ziehen sich nicht mehr wie vorher zu Fäusten zusammen. Sie fügen sich in den Bewegungsablauf ein wie in ein Rad. In der unteren Hälfte des Kreisbogens liegen die Handflächen auf seiner Innenseite, in der oberen Hälfte aussen auf ihm drauf.

Aufwärmen mit "R"
Beim "L" benutzen wir eine Strömung im oberen Menschen, die
nach hinten zieht, im unteren Menschen eine Strömung, die vorwärts will. Beim "R" bewegen wir uns absichtlich gegen diesen natürlichen Strom. Das ist ähnlich wie beim Spielen mit Wasser: Wenn man die eingetauchten Hände mit der Strömungsrichtung eines Flusses bewegt, dann geschieht nicht viel. Bewegt man sie dagegen, verwirbelt und durchlüftet man das Wasser. Dasselbe macht das "R" - es belebt und durchlüftet.

Nutzen Sie diesen Effekt doch einmal für das Aufwärmen auf der Piste: Stellen Sie sich mit angeschnallten Skiern an eine flache Stelle, lehnen Sie sich weit vor und strecken Sie die Hände nach vorne. Dann beginnen Sie mit dem Kreislauf des "R", wie er oben beschrieben ist, aber machen Sie die Bewegung gross und expressiv. Es soll ja schliesslich der ganze Körper kräftig bewegt und aufgewärmt werden.

Machen Sie das Zurückholen der Hände tief in der Hocke und nah am Boden. Kommen Sie mit den Ellenbogen hinten erst hoch, wenn Sie weit in Rücklage sind. Während die Hände neben dem Körper langsam zu den Schultern hochsteigen, strecken Sie die Beine, die starke Rücklage behalten Sie bei. Erst beim Entlassen der Hände nach vorne gehen Sie mit dem Körper in die Vorlage. Wenn die Arme vorne wieder nach unten gehen, gehen Sie wieder in die Knie und dann beginnt der Kreislauf von vorne. Bei aller Dynamik - achten Sie auf die Übergänge, damit die Bewegung rund und gleichmässig wird!

Bei dieser Übung kreist das ganze Becken mit und der Oberschenkel - unser liebster Eurythmist - kommt voll zum Einsatz. Gehen Sie beim Anziehen der Arme mit den Beinen so tief in die Hocke, wie sie mögen. Wenn Sie die Arme oben nach vorne bringen, sollten diese möglichst nicht über Kopfhöhe steigen. Dann kommen Sie zu sehr in den Bereich des oberen Menschen und der belebende und durchwärmende Effekt bleibt aus.

Wenn es Ihnen Freude macht, können Sie so stark in die Rücklage gehen, dass die Skispitzen in der Luft sind, und so weit in die Vorlage, bis es Ihnen hinten fast die Enden der Skier hebt. (Vorsicht, dass die Bindung nicht aufgeht!)

Fahren mit der Kraft des "R"
Suchen Sie sich eine Piste, die so flach ist, dass Sie darauf fast nicht vorwärtskommen. Dann machen Sie dieselbe grosse, dynamische "R"-Bewegung, die ich Ihnen eben für das Aufwärmen vorgeschlagen habe. Aber jetzt teilen Sie die Dynamik der Bewegung so ein, dass Sie sich damit vorwärtsbewegen. Fahren Sie mit der Kraft des "R"!

Ziehen Sie in tiefer Hocke die Arme an den Körper und beginnen Sie den Aufstieg der Hände wieder mit viel Rücklage. Aber dann gehen Sie früher als zuvor in die Vorlage und bringen die Arme mit so viel Schwung nach vorne, dass Sie und die Skier ein Stück mitgenommen werden. Nach dem Senken der Arme ziehen Sie diese so kräftig zu sich, dass die Skier beschleunigen. Dann beginnt der nächste Aufstieg der Arme mit Rücklage.

Diese Art der Fortbewegung ist anstrengend, das gebe ich zu. Aber dafür bekommen Sie ein gutes Gefühl für die zwei Grundkräfte des "R". Einmal benutzen Sie die Bodenhaftung, um den Armen Schwung zu geben. Dann benutzen Sie das Leichtwerden, damit die Skier folgen können.

Das Zurückziehen der Arme in der tiefen Hocke können Sie so kräftig machen, wie es geht, die Skier beschleunigen in jedem Fall. Den Schwung der Arme nach vorne müssen Sie sehr fein dosieren, sonst erreichen Sie nicht die gewünschte Wirkung.

Trotz des Spiels der Polaritäten und trotz aller Dynamik ist das "R" ein gleichmässiges Geschehen. Lassen Sie einen Rhythmus entstehen, der eine gute Eigendynamik hat, nicht zu viel Kraft kostet und Sie vorwärts bringt.

Es fliessen lassen
Sie können mit dem "R" auch ganz ruhig dahinfahren. Geniessen Sie die leichten Tempoveränderungen, das Beugen und Strecken des Körpers und die verschiedenen Phasen der Armbewegung, wenn Sie auf Ziehwegen durch eine schöne Landschaft dahingleiten. Erleben Sie die Ruhe, die hinter aller Bewegtheit zu spüren ist. Verbinden Sie das Spiel von Beschleunigung und Verzögerung mit Ihrer Fahrtechnik.

In den Kurven ziehen Sie die Hände in tiefer Hocke langsam entlang der Skier nach hinten. Sie werden eins mit den Skiern und mit der Spur, die Sie in den Schnee ziehen! Wenn Sie sich aufrichten und die Arme im oberen Bogen des "R" nach vorne kommen, spüren Sie die Luft unter Ihren Flügeln, die Sie nach vorne tragen, und verschmelzen für eine Zeit mit ihnen. Die Skier sind entlastet und der Kurvenwechsel geschieht ganz natürlich.

Am Anfang erleben Sie abwechselnd die Spur, die Ihnen Halt gibt, und die Flügel, die Sie durch die Luft tragen. Aber bald ist beides präsent und verschmilzt miteinander - einmal ist mehr das eine im Vordergrund, dann das andere.

Hinunterfliegen
Wenn Sie sich sicher fühlen, können Sie das "R" in etwas steilerem Gelände entlang der Falllinie ausprobieren. Denn das "R" ist ein Laut, der beim Fahren das Gefälle, das Tempo, das Beschleunigen, ja, das Abenteuer erleben mag.

Setzen Sie den oberen Bogen des "R" an, wenn Sie sich strecken, die Skier entlasten und in die Falllinie hineindrehen. Dann sind die Skier am wenigsten auf den Kanten und die Skispitzen schauen in Richtung Tal. Wenn in diesem Moment Ihre Arme auf Schulterhöhe nach vorne fliegen und Sie Ihr Gewicht auf die Skispitzen verlagern, fühlt es sich an, als würden Sie sich ins Tal werfen.

Sobald die Arme vorne nach unten gehen und den unteren Bogen des "R" beginnen, bekommen Ihre Kanten wieder genug Bodenkontakt, um die Kurve zu steuern, Druck aufzubauen und das Tempo zu kontrollieren. Weil das "R" aber nicht bremsen, sondern beschleunigen und dahinfliegen will, warten Sie nicht lange, sondern setzen gleich den nächsten Bogen an, um sich "mit Flügeln voraus" von neuem ins Tal zu stürzen.

Auch wenn Sie immer wieder mal etwas Luft unter den Skiern haben - das "R" macht das nicht unkontrolliert. Es verstreut seine Energie nicht wie zum Beispiel das "H", sondern führt die nach vorne hinausgehende Armbewegung recht bald wieder in einem Bogen nach unten. Da Sie zusammen mit dem äusseren Bogen der Arme auch innerlich nach unten gehen, gewinnen Sie die Kontrolle über die Skier schnell wieder zurück. Oben lassen Sie es fliegen. Und unten, da bestimmen Sie!

Haben Sie den Unterschied gemerkt? Vorhin beim Fahren mit der Kraft des "R" nutzten Sie die Fähigkeit des "R" zum Verdichten. Wenn die Arme oben nach vorne flogen, mussten Sie genau dosieren, wie viel Schwung die Haftreibung der Skier erlaubte. Beim "R" in der Falllinie geht es um die Leichtigkeit, um die Lust dahinzufliegen, schwerelos zu sein. Jetzt ist die Herausforderung, die Armgebärde unten zu dosieren und sie so mit den Skiern zu verbinden, dass die Hände auch bei hohem Tempo ruhig und gleichmässig zurückgeführt werden.

Und wenn vor lauter Freude am Dahinfliegen die Landung einmal nicht so gelingt wie gedacht? Macht nichts! Ein Purzelbaum ist ja nichts anderes als ein "R"! Mit jeder Menge Luft darin. Solange Sie sich nicht wehtun, macht beim "R" sogar das Stürzen Spass.

Wenn Ihnen beim Carven die Kanten wegrutschen, nehmen Sie das nicht so locker. Kein Wunder - denn das Carven gehört zum "S" (siehe dort).

Zum Seitenanfang             Zur Kapitelübersicht