Eurythmie auf Skiern - Der Vokal «O» 
 
 
   

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Textauszug aus dem Buch "Eurythmie auf Skiern"
gekürzt, o
hne Bilder, Skizzen, Ergänzungen und Literaturangaben

Die Grundgebärde des "O"
Das "O", die Geste des Umarmens, ist in seiner Grundform ein horizontaler Kreis der Arme, bei dem sich die Fingerspitzen leicht berühren. Da die Knochen fest sind und nicht gebogen werden können, muss die Kreisform mit Hilfe der Schultergelenke, Ellenbogen, Hand- und Fingergelenke angenähert werden. Je nachdem, mit welchem Bewusstsein Sie Ihre Arme in die Form biegen, wirkt der Armkreis eckig oder fast rund.

Bringen Sie zunächst die Hände vor die Herzgegend. Die Rückseite der Daumen berührt das Brustbein, die Handflächen sind nach vorne geöffnet und die Fingerspitzen zeigen leicht nach links und rechts. Dann stellen Sie sich die Kreisform des "O" so konkret wie möglich vor. Der Kreis liegt auf Herzhöhe horizontal vor Ihnen, berührt Ihr Brustbein und ist so gross, dass die ausgestreckten Arme ihn gerade noch umfassen.

Nun fahren Sie mit den Händen den "O"-Kreis entlang, den Sie sich vorgestellt haben: Schieben Sie die linke Hand nach links vorne, die rechte nach rechts vorne und lassen Sie so die Handflächen mit Hilfe einer Kraft, die vom Herzen ausgeht, am Kreisbogen entlanggleiten. Wahrscheinlich kommen Sie irgendwann an einen Punkt, wo es nicht mehr so recht weitergeht. Die Hände vom Herzen aus auseinander- und nach vorne zu schieben geht ja noch, aber wie bekommen Sie die Arme dazu, dass die Finger vorne wieder zusammenkommen, ohne dass Sie es willkürlich tun? Im Alltag ist das kein Problem, das tun wir jedes Mal, wenn wir jemand umarmen. Aber wie geht das in der Eurythmie?

Hier hilft uns, dass ein Kreis nicht nur durch seinen Mittelpunkt, sondern auch durch die Tangenten gebildet wird, die seine Oberfläche bilden. Spüren Sie vom Herzen aus in den Sie umgebenden Raum hinein, stellen Sie sich die Strahlen vor, die das "O" von aussen her bilden, und weiten Sie Ihr Herzgefühl dorthin aus. Dann können Sie die Arme vom umgebenden Raum aus weiter runden und die Hände vorne zusammenführen.

Manchmal hilft es, wenn Sie Ihre Brust durch eine langsame Einatmung ausdehnen und die Schultern nach links und rechts ausbreiten. Wenn Sie gleichzeitig Ihre Hände vorne am Kreis spüren, entsteht dort eine Gegenbewegung, die die Hände zusammenführt und die Arme im vorderen Bogen rundet. Das Nachhelfen mit dem Brustkorb ist aber ein bisschen geschummelt, denn eigentlich brauchen Sie die direkte Hilfe des Atems und der Körpermuskulatur nicht. Wenn Sie es schaffen, die Strahlkraft des Herzens und die des umgebenden Raumes direkt zu aktivieren, ist die Ausdehnung der Brust und der Schultern nur eine Nebenwirkung und die tiefe Einatmung erfolgt von allein.

Jeder Vokal braucht einen solchen zweiten Schritt, bei dem die Arme vom Herzen aus durchstrahlt werden - aber bei jedem ist es anders. Das "A" und das "I" haben wir durchstrahlt, damit diese von innen her gerade wurden. Dadurch konnte beim "A" etwas zu uns hereinströmen, beim "I" von uns hinausströmen. Beim "E" standen wir vor der Aufgabe, den Unterarm zu durchstrahlen, obwohl der Ellenbogen abgewinkelt war, und beim "O" brauchten wir die Strahlen des uns umgebenden Raumes, um die Arme von aussen her zu runden.

Die Gegenbewegung beim "O"
Wenn Sie der Beschreibung der Grundgebärde des "O" gefolgt sind, haben Sie in einem ersten Schritt die Hände vom Herzen aus entlang des "O"-Kreises nach vorne geschoben. In einem zweiten Schritt sind Sie in den umgebenden Raum hinausgegangen, haben das "O" von dorther durchstrahlt und zum Abschluss gebracht.

Die Gegenbewegung führt dazu, dass sich das Brustbein danach sehr lebendig anfühlt und der Körper sich streckt. Wenn das eintritt, wissen Sie, dass Sie das "O" richtig gemacht haben.

Damit die durch die Gegenbewegung hervorgerufene Streckbewegung bis in die Beine wirken kann, sollten Sie darauf achten, dass die Knie vorher nicht durchgedrückt sind. Auf der Piste ist das einfach. Da sorgen schon die Skischuhe dafür.

Das "schnelle O"
Sie brauchen das "O" nicht immer so langsam aufzubauen, wie es eben beschrieben wurde. Nehmen Sie für das Folgende eine gerade und entspannte Haltung ein. Lassen Sie die Arme locker hängen, aber so, dass diese sofort in Bewegung übergehen könnten. Empfinden Sie in Ihrer Phantasie das Energiefeld des horizontalen "O" vor Ihrem Körper so konkret, dass Sie es schon fast spüren können.

Sobald Sie in den Armen die Wahrnehmung für das von Ihnen aufgebaute Energiefeld aktivieren, werden diese wie von einem Magneten angezogen und gehen, wenn Sie es "erlauben", von selbst in die horizontale, runde "O"-Gebärde. Das kann langsam oder blitzschnell gehen und geschieht ohne die geringste Anstrengung. Die Arme nehmen ziemlich genau die vorgedachte Form an und können eine Zeit dort verbleiben, ohne schwer zu werden.

Vergessen Sie beim "schnellen O" nicht, dass das "O", auch wenn Sie es vom Herzen her entstehen lassen, immer aus dem Umkreis gebildet wird. Nur dann werden die Finger von aussen zusammengeführt, der Gegenstrom erreicht das Brustbein und der Körper streckt sich.

Kurvenfahren im Wohnzimmer
Das "O" unterstützt das Kurvenfahren. Das können Sie sogar in Ihren eigenen vier Wänden testen. Bilden Sie mit den Armen ein horizontales "O" und gehen Sie langsam vorwärts. Wenn Sie Ihre Arme kaum oder nur wenig anspannen, passiert nicht viel. Wenn Sie die Muskelspannung in den Armen so verstärken, dass es sich anfühlt, als würden diese etwas dicker, erzeugen Sie bei entsprechender Aufmerksamkeit einen Sog, der den Körper mitzieht und Ihre Schritte beschleunigt.

Gehen Sie dann ins "Kurvenfahren" über. Geben Sie in den einen Arm mehr Spannung und durchstrahlen Sie ihn deutlich stärker als den anderen. Dadurch zieht der Arm Sie nicht nur vorwärts, sondern er führt Sie in der Richtung um die Kurve, in die die Finger des aktiven Armes zeigen. Wenn Sie den anderen Arm durchstrahlen, wechselt die Kurvenrichtung. So entsteht mittels der fast unbewegten Arme ein spielerischer Rhythmus zwischen links und rechts, schnell und langsam, eng und weit. Je nachdem, wie Sie mit der vom Herzen ausgehenden Strahlkraft, der Spannung im Arm und dem Körpergefühl beim Kurvenwechsel umgehen, "fahren" Sie schnell oder langsam, mit grossen oder kleinen Bögen.

Gelingt es Ihnen? Oder zieht der zum halben "O" gerundete linke Arm sogar nach links, anstatt - wie ich es gerade beschrieben habe - in die Richtung der Finger, also nach rechts? Ich kann Sie beruhigen, Sie machen nichts falsch. Sie arbeiten nur mit einem anderen Element, als ich es hier vorgeschlagen habe, nämlich mit dem, das wir in der Eurythmie den Schleier nennen. In diesem Fall ist es der konsonantische Schleier, der eine Sogwirkung senkrecht zum Arm hat. Wenn Sie ihn an der Aussenseite des gerundeten linken Armes aktivieren, führt er Sie in eine Linkskurve.

Hier, wo es um die Vokale geht, arbeiten wir mit den Strahlen, die wir durch die Arme oder an ihnen entlang schicken. Diese Strahlen ziehen in die Richtung, in die Arme und Hände zeigen. Wenn Sie so vorgehen, zieht Sie der gerundete linke Arm nach rechts.

Beschleunigen mit "O"
Beim "A" wird die Wirbelsäule gestreckt und von der Gegenbewegung leicht nach hinten geneigt. Beim "O" wäre das komisch. Ich kann mich doch nicht von dem, was ich umarme, zurückziehen! Und in der Tat, wenn Sie darauf achten, zieht das "O" die Wirbelsäule leicht nach vorne.

Dass das "O" auch beim Skifahren vorwärts will, konnten Monika und ich beim langsamen Queren einer Piste beobachten. Jedes Mal, wenn wir ein "O" machten, wurden die Skier ein wenig schneller. Das lässt sich technisch begründen: Sobald man beim Queren eines Hanges mit dem "O" nur ein wenig in die Knie geht, geht man automatisch mehr auf die Kanten, die Reibungsfläche wird kleiner und die Skier beschleunigen.

Egal, wie klein dieser Effekt ist, er zeigt etwas Wesentliches vom "O": Wenn man ein "O" macht, wird der untere Mensch aktiv. Das "O" bringt Sie nicht nur nach vorne, sondern innerlich auch nach unten, tiefer in den Körper hinein. Und der untere Mensch will vorwärts! Der Körper neigt sich vor, die Knie beugen sich, die Skier kanten auf und beschleunigen.

"O" mit Flügeln
Sie haben gelernt (Grundlagen), wie Sie Ihre Flügel steigen und sinken lassen können. Das wollen wir jetzt auf das Skifahren mit dem "O" anwenden.

Wenn Sie mit lockeren Armen nach hinten ausholen, sie ein wenig steigen lassen und langsam nach vorne in eine "O"-Gebärde bringen, können Sie Ihre imaginären Flügel mit Hilfe der Arme nach vorne bringen und sich mit ihnen einhüllen. Damit die Flügel mit der Gebärde mitkommen, müssen Sie mit den Aussenseiten der Arme einen gefühlsmässigen Kontakt zu den Flügeln behalten. Das fühlt sich an, als würden Sie mit den Armen Ihre Aura entlangfahren und sie abtasten. Je mehr Sie die Hände vorne zusammenbringen, desto stärker erleben Sie Ihre Flügel wie eine aurische Hülle, die Sie stützen kann.

Dem "O" macht es Freude, uns mit diesen Flügeln um die Kurve zu führen und zu stabilisieren. Wählen Sie für den Anfang eine flache Piste. Die Skier fahren ohne Kanteneinsatz geradeaus. Holen Sie nach hinten aus, machen Sie mit Ihren Flügelarmen ein langsames, grosses "O" und gehen Sie damit gemächlich in die Kurve. Verstärken Sie die Wirkung der Flügel, indem Sie Kraft in die Bewegung der Arme geben, und steuern Sie damit.

Lösen Sie nach jeder Kurve die Arme und setzen Sie ein neues "O" an, mit dem Sie in die nächste Kurve gehen. Lassen Sie sich führen, fahren Sie mit den Flügeln und ziehen Sie mit grosszügigen Bögen den Hang hinunter. Wenn die Skier in der Kurve unruhig werden und zu schlagen beginnen, verstärken Sie die Flügel durch zusätzliche Spannung in den Armen und Händen. Das stabilisiert nicht nur, sondern sorgt im ganzen Körper für Ruhe und Wohlbefinden.

Spüren Sie, dass dieses "O" Sie schützt und trägt? Dann probieren Sie das auch einmal auf einer steileren Piste, wenn Sie sich trauen. Sie sollten merken, dass Sie - wenn Sie das "O" einsetzen - auch dort mit grosser Ruhe fahren können, obwohl Sie immer schneller dahinziehen und immer grössere Schräglagen einnehmen.

Wenn Sie die Spannung der Arme benutzen, um die Wirkung der Flügel zu verstärken, sollten Sie das Grundprinzip der Eurythmie nicht vergessen: Eine Wirkung wird woanders erzeugt als dort, wo Sie auftritt. Lassen Sie die Energie der Oberschenkel und Beine in den Armen mitwirken. Dann sind oberer und unterer Mensch gut verbunden, Geist und Körper wirken zusammen und das "O" steuert, ohne dass Sie es merken, die Feinmotorik im ganzen Körper.

Varianten des "O"
Das "O" bietet nur wenige Möglichkeiten, die Gebärde zu variieren. Ein Kreis ist eben ein Kreis. Aber je nachdem, wie Sie diesen Kreis bilden und in welcher Höhe, verändern sich Fahrstil und Fahrerlebnis.

Manche Menschen erleben das "O" beim Skifahren stärker, wenn sie es weit nach vorne gebeugt oder in der Hocke machen. Andere ziehen lieber die Arme mit grossen Flügeln ganz langsam immer mehr heran, bis sie relativ aufrecht im "O" stehen. Manche "setzen" sich schon fast in ihre Flügel und werden selbst zum Mittelpunkt des "O". Ein "O" unten vor dem Bauch verbindet Sie mit den Kräften des unteren Menschen, ein "O" über dem Kopf mit denen des oberen Menschen.

Egal, welche Varianten Sie wählen, zum "O" gehört die Vorlage, der Druck auf den vorderen Skiern. Wenn vorne Druck aufgebaut wird, gelingt das "O" am besten. Sobald Sie in Rücklage kommen, reagiert der Körper nicht mehr wie bei einem Vokal, und es entsteht eine ganz andere Fahrdynamik. Auch wenn die Gebärde äusserlich noch fast gleich aussieht, das "O" wird zum "B".

Die "dritte" Kraft
Im Abschnitt "Der obere und der untere Mensch" ist beschrieben, wie man beim Menschen zwei polare Energiesysteme unterscheiden kann. Sie sind die Grundlage für alle Lebensprozesse und für unsere Gesundheit. Nichts darf ganz der Schwere verfallen, nichts darf davonfliegen.

Das Lichtdreieck symbolisiert ein Kraftsystem, das ganz mit dem Licht verbunden ist und für Auftrieb und innere Beweglichkeit sorgt. Es ist mit dem Raum über uns verbunden. Das Schweredreieck steht für ein Kraftsystem, das Bodenhaftung und Stabilität erzeugt und mit dem Raum unter uns verbunden ist.

Solche Gegensätze verbinden sich nicht von alleine. Es braucht etwas, was sie zusammenführt und zusammenhält. Das "O" ist das Symbol für dieses "Dritte". Es umarmt beide Pyramiden und bildet aus der Distanz einen Gürtel um deren Taille. Ohne direkt einzugreifen, steuert es etwas bei, das die beiden konträren Systeme motiviert, gemeinsam die Grundlage unserer Lebensprozesse zu bilden. Das "O" ist mit dem Umkreis verbunden und lässt in seinem Zentrum Wärme und Vielfalt entstehen. Ich würde es das "menschliche" oder das "chemische" Kraftsystem nennen.

Wenn Sie darauf achten, werden Sie sehen, dass je nach Typ und Situation der eine Mensch mehr das Lichtdreieck in seinem "O" anwesend hat, der andere mehr das Schweredreieck. Sie können das spielerisch ausprobieren: Bilden Sie zuerst ein normales "O" mit viel Bewusstsein in den Händen und Armen. Dann drehen Sie die Handflächen ein wenig nach unten, bis diese eine Position einnehmen, als würden Sie die Flächen der Schwerepyramide berühren. Sind Sie innerlich mitgegangen? Dann werden Sie sich jetzt wahrscheinlich schwerer fühlen.

Nun drehen Sie die Handflächen einen kleinen Winkel nach oben, bis sie in einer Position sind, als ob Sie das Lichtdreieck zwischen den Armen tragen würden. Gelingt es Ihnen, dass sich dadurch Ihr Körper leichter anfühlt? Wechseln Sie ein paarmal hin und her. Zum Schluss bringen Sie die Handflächen wieder in die vertikale Position und versuchen, mit kleinen Bewegungen der Handflächen ein Gleichgewicht herzustellen.

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