Eurythmie auf Skiern - Der Konsonant «L» 
 
 
   

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Textauszug aus dem Buch "Eurythmie auf Skiern"
gekürzt, ohne Bilder, Skizzen, Ergänzungen und Literaturangaben

Die vier Phasen der "L"-Bewegung
Das "L" ist eine langsame, ruhige Bewegung, die den ununterbrochenen Kreislauf des Lebens darstellt. Dazu beschreiben die Arme in der Frontalebene zwei spiegelbildliche Kreise, die sie einmal oder mehrfach ohne Unterbrechung durchführen. Durch den unterschiedlichen Bezug zum oberen und zum unteren Menschen und durch die Erlebnisse, die diese Bewegung auslösen kann, bekommt jedes Viertel des "L"-Kreislaufs eine andere Qualität.

Erste Phase
Breiten Sie die Arme nach links und rechts aus. Spüren Sie den Raum unter sich und den Raum über sich und führen Sie die Hände in zwei runden Bögen hinunter. Unterwegs sind die Handflächen erst nach unten zur Erde gerichtet, im unteren Bogen bewegen sie wie kleine Schaufeln aufeinander zu. Je näher die Hände zusammenkommen, umso mehr wenden sich die Handflächen langsam wie zwei Schalen nach oben. Wenn Sie sich während der Abwärtsbewegung der Arme leicht nach vorne beugen, sollten Sie darauf achten, dass der Kopf mitgeht. Die Wirkung ist aber intensiver, wenn Sie aufrecht bleiben und nur innerlich mit hinuntergehen.

Zweite Phase
Der Übergang in die zweite Phase der "L"-Bewegung ist fliessend und beginnt bereits, bevor die Hände vor dem Körper zusammenkommen. In dieser Phase ergreift der aufbauende Energiestrom, der durch das Mitwirken der Beine und der Körperspannung entsteht, von unten die Hände und lässt sie wie gefüllte Schalen mit nach oben weisenden Handflächen vor dem Körper nebeneinander nach oben steigen. Im Brustbereich wenden sich die Handflächen zum Herzen.

Dritte Phase
In der dritten Phase steigen die Arme vom Herzen aus weiter nach oben und öffnen sich in zwei Bögen nach links und rechts. Dabei drehen sich die Handflächen nach aussen. Es sieht aus, als würden die Hände über etwas Grossartiges vor Ihnen oder über Ihnen entlangstreichen. Eine Mischung von Zuwendung und Wahrnehmung.

Vierte Phase
Wenn der Bogen den höchsten Punkt erreicht hat, beginnt die vierte Phase, ein Loslassen und Empfangen. Die Arme und Hände sind entspannt nach vorne oder nach oben geöffnet und strömen links und rechts wieder bis zur Mitte hinab. Beim Herunterkommen drehen sich die Hände langsam und berühren die Horizontale wie der Same im Herbst die Erdoberfläche. Dieser Übergang - aus dem gelösten Herunterkommen in die Anfangsstellung - ist eine Phase der Ruhe, der inneren Umorientierung.

Abschluss oder Neuanfang
Wenn Sie das "L" an dieser Stelle beenden möchten, lassen Sie die Arme ruhig sinken. Sie spüren den Raum über und unter sich, Ihre Energiesäule, und lassen das "L" im Atem nachwirken.

Wenn Sie weitermachen möchten, ist das Wieder-Eintauchen nach unten eine aktive Handlung, ein Loslassen, ein Neuanfang - ohne das, was Sie beim "L" davor erlebt haben, zu vergessen.

Übung für den Übergang von der zweiten zur dritten Phase
Der Übergang von der zweiten zur dritten Phase der "L"-Bewegung verdient Aufmerksamkeit. Machen wir dafür eine Zwischenübung.

Heben Sie die Hände auf Höhe des Brustbeins, die Handflächen schauen zum Körper und die Finger berühren sich leicht. Erzeugen Sie in den Händen eine leichte motorische und sensorische Spannung. Bewegen Sie den Brustkorb so differenziert, dass Sie die Hände von dort aus drehen können. Mit ein bisschen Üben sollte das bald gelingen. Reduzieren Sie mit der Zeit die Spannung in Brustbein und Brustkorb, bis Sie das Gefühl haben, dass Sie die Drehbewegung der Hände vor allem durch die Kraft der Herzenergie bewirken.

Übertragen Sie das Gelernte auf die "L"-Bewegung. Wenden Sie die Hände beim Übergang von der zweiten zur dritten Phase mit der Kraft des Herzens.

Das "L" beim Fahren
Am besten experimentieren Sie mit dem "L" zuerst auf ebenen Pisten und Ziehwegen. Wenn auf Waldwegen die Natur sehr nahe an Ihnen vorbeizieht und noch leichter Schneefall oder Nebel dazukommt, kann das wunderschön sein und auch die Person, die hinter Ihnen herfährt, sehr beeindrucken.

Richten Sie in der ersten Phase des "L", beim Hinuntergehen, die ganze Aufmerksamkeit auf sich selbst. Tauchen Sie in Ihr eigenes Körpergefühl ein wie in ein warmes Bad und schauen Sie den Skiern zu, wie sie über den Schnee gleiten. Wenn Sie sich in der zweiten und dritten Phase des "L" aufrichten, vollziehen Sie den Wechsel nach aussen und spüren durch die Arme hinaus in die Umgebung, durch die Sie fahren.

Um den einzelnen Phasen des "L" einen Zeitrahmen zu geben, können Sie sich einen bestimmten Streckenabschnitt, zum Beispiel einen Weg quer über die Piste, vornehmen. Dehnen Sie dann ein "L" mit seinen vier Phasen so lange aus, wie eine Fahrt auf die andere Seite dauert. Das "L" soll sich den Zeitverhältnissen zwar anpassen, aber trotzdem kraftvoll sein.

Suchen Sie sich dann eine Piste mit Erhebungen und Senken, machen Sie ein "L" nach dem anderen im Einklang mit den räumlichen Gegebenheiten des Geländes. Stimmen Sie das Steigen und Senken der Arme, ihr Weit- und Engwerden mit Ihrem Fahrerlebnis ab. Wahrscheinlich werden Sie durch den steten Wechsel von Belastung und Entlastung automatisch in ein gleichmässiges Kurvenfahren übergehen und so Ihre Geschwindigkeit kontrollieren.

Probieren Sie verschiedene Arten, wie Sie mit dem "L" in die Kurven gehen können und wie Sie wieder herauskommen. Gehen Sie lieber in die Kurve, wenn Sie die Arme unten zusammenführen oder wenn Sie oben aufmachen? In welchen Phasen des "L" macht es am meisten Spass, sich so richtig in die Kurve zu legen?

Variieren Sie Ihre "L"-Bewegungen. Steigen Sie zum Beispiel mit den Händen nur bis zum Herzen, sodass die Arme auf Herzhöhe schon wieder nach aussen gehen, und intensivieren Sie so den Kontakt zur Piste. Lassen Sie die "L"-Bewegungen grösser und wieder kleiner werden. Fahren Sie Bögen, wenn Sie sich selbst spüren wollen, und geradeaus, wenn Sie die Natur geniessen wollen.

Der Kampf ums "L"
Das "L" braucht Ruhe, damit es sich entfalten kann. Wenn Sie zu sehr auf anderes achten müssen, findet es seinen Rhythmus nicht - und der erhoffte Genuss bleibt aus.

Auf der anderen Seite haben wir bei unseren Kursteilnehmern beobachtet, dass das "L" manchmal besonders schön gelang, wenn die Skier unruhig wurden oder es fast zu schnell oder zu steil hinunterging.

Einmal mussten wir richtig lachen. Eine Teilnehmerin kam mit einem Riesentempo daher. Ihre Skier schienen - "trrrrrr" - zu tanzen, sie hatte ihre Beine kaum noch unter Kontrolle. Aber im Oberkörper war dieses ruhige "L". Da konnten die Skier machen, was sie wollten. Das war eindrucksvoll zu sehen.

Um trotz aller Unruhe ein "L" zu machen und nicht irgendetwas anderes, verstärken Sie nämlich unwillkürlich Ihr "Magnetfeld" und geben mehr Spannung und Bewusstsein in die Arme. Das gibt nicht nur der Gebärde, das gibt dem ganzen Menschen Ausstrahlung!

Das "sprudelnde L"
Wenn Sie das "L" mit kleinen Bewegungen auf Herzhöhe machen, wirkt das wie eine sprudelnde Quelle. Eintauchen, verdichten, auftauchen. Lösen. Die Hände bleiben mehr oder weniger vor dem Körper. Der Impuls zum Öffnen der Hände kommt genau wie beim grossen "L" von innen, aus dem Herzraum.

Das sprudelnde "L" ist verspielt, die Skier gehen rhythmisch hin und her und machen im Einklang mit der Bewegung der Arme viele kleine Schwünge. Das kann schnell sein, aber es geht auch langsam.

"Tiefes Wasser"
Auf den ersten Blick hat das "L" viel mit oben und unten zu tun. Aber wenn Sie mit den Armen achtsam aufsteigen, können Sie feststellen, dass diese oben nach hinten gezogen werden. Lassen Sie sich davon mitnehmen und lehnen Sie sich, wenn die Arme abströmen, so weit Sie wollen, in den hinteren Raum zurück. Umfallen können Sie ja nicht.

Unten ist es andersherum. Der untere Strom zieht vorwärts. Unten heisst "rein ins Abenteuer". Tauchen Sie, wenn die Arme hinten herunterkommen und die neue "L"-Bewegung beginnt, mit den Armen ganz bewusst in den unteren Strom ein. Greifen Sie mit den Händen weit nach unten, gehen Sie tief in die Hocke und strömen Sie entlang der Skier vor bis fast zu den Skispitzen. Mit dieser Vorlage gehen Sie über in die zweite Phase, steigen auf und lassen sich oben wieder nach hinten ziehen.

Dieses "L" fühlt sich an, als stünden Sie in einer Brandung und würden vom Strom des Wassers nach vorne mitgenommen. Sobald Sie für einen Moment auftauchen, um so viel Luft wie möglich einzuatmen, geht es nach hinten. Wenn Sie wieder unten sind, nimmt Sie der untere Strom aufs Neue mit nach vorne.

Öffnen Sie trotz aller Hoch/Tief- und Hinten/Vorne-Dynamik Ihre Arme beim Abströmen weit nach links und rechts. Das "L" ist ein Herz- und Lungenlaut und lebt von der Beziehung zur Umgebung.

Ich bin sicher, dieses schöne und stimmige "L" wird Ihnen Freude bereiten. Auf flachen, ebenen Pisten können Sie seine Möglichkeiten voll auskosten.

Das "L" im Vergleich zum "H"
Beim "H" hatten wir gesagt, es erzeuge Leichtigkeit. Auch das "L" macht das, aber es verliert sich nicht darin. Es öffnet sich nach oben und behält trotzdem den Bezug zur Erde. Das Abströmen war beim "H" ein einfaches Loslassen nach unten. Das "L" nimmt das, was von oben kommt, in das untere auf. Das "L" polarisiert nicht, es verbindet Gegensätze in einem Kreislauf.

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